Die meisten Bundesbürger von 14 bis 29 Jahren können sich ein Leben ohne Auto durchaus vorstellen – aber nicht ohne Internet oder Handy. Aufbauend auf dieser Studie von Bitkom berichtet die Wirtschaftswoche in der aktuellen Ausgabe (Nr. 13/2010 vom 29.03.2010) über den Einstieg von Daimler in das Carsharing-Geschäft.

Dieser WiWo-Artikel soll Anlass sein, einmal über die Chancen im Themenbereich Mobilität und Onlinemedien (klassisches und mobile Internet) nachzudenken. Denn so wie es aussieht, wachsen diese beiden Branchen gerade zusammen und werden die Mobilität der nächsten Jahrzehnte prägen.

Interessant wäre für die Bitkom-Studie wäre folgende Frage zu stellen: heißt für die jungen Erwachsenen (Alter bis 30)meinen „ich kann mir kein Leben vorstellen ohne Auto“ oder ist gemeint „ohne EIGENES Auto“? Denn Mobilität ist gerade auch für junge Menschen sehr wichtig, letztendlich mehr als früher. Aber die aus den Jahrzehnten des Wirtschaftswachstums stammende Bedeutung des eigenen Autos als Statussymbol sinkt bei jungen Erwachsenen sehr deutlich (so verkauft A.T.U. kaum noch Spoiler und „Auto-Nippes“, wie es die Wirtschaftswoche in einem anderen Artikel mit der Überschrift „Aktion Sorgenkind“ berichtet).

Immer mehr treten bei Verkehrsmittels wie dem Auto der rationale Sinn in den Vordergrund: die Überbrückung von Entfernung und das Erreichen eines Ortes, kurz: Transport und Logistik. Und genau hier kommen die Onlinemedien ins Spiel und verändern die gesamte Mobilitätsbranche.So kann ich auf VerkehrsmittelVergleich.de einen Start und Zielort angeben und erhalte sofort eine Übersicht über Reisezeiten und Kosten verschiedener Verkehrsmittel inklusive deren Kombinationen. So kann ich von Bamberg aus entweder mit der Bahn nach Hamburg (4 Stunden 30  Minutenfür 69,- mit einmal umsteigen oder 5 Stunden 40 Minuten ohne Umsteigen für 89.-). Alternativ die Fahrt mit dem PKW fast 5 Stunden bei Kosten von € 94,- oder Bahn, Flug und Taxi bei ebenfalls 5 Stunden,  2 Umstiegen und € 171,-. Alles in der Übersicht mit nur einer Abfrage und einfachen Ergebnisfiltern bei Preis, Umstiege oder CO2. Denken wir dieses Prinzip einmal etwas in die Zukunft: sobald auch der Nahverkehr mit U-Bahn und Bus integriert ist und das System auf dem Mobiltelefon mit GPS zur Verfügung steht, kann ich mit einem Klick auf eine Karte ein Ziel markieren und bekomme die besten Möglichkeiten, dieses zu erreichen – bei der Zeitberechnung inklusive Fußweg zum Standort eines Autos, eventueller Baustellen und der Rushhour, möglicher Zugverspätungen, Ersatzbuslinien und anderer Faktoren bis hin zu zu Mietfahrrädern an meinem Standort, da nur so in der Innenstadt der Zu noch zu erreichen ist.

Oder nehmen wir das Thema Taxi. Sicher kennen Sie das: Unmengen von Leuten wollen z.B. am Flughafen oder an einem großen Hotel ein Taxi. Oft hätte man eigentlich die gleiche Richtung, nur keiner weiß das vom anderen. Dieses Problem hat Taxi2 aufgegriffen. Sie geben dort Ihren Taxibedarf an und werden vom System automatisch zu Taxigemeinschaften vermittelt. Sie sparen Kosten, ersparen sich ggfls. Wartezeit und nebenbei können Sie durch Zufall auch noch interessante Geschäftskontakte kennen lernen (leider bisher nicht in Deutschland). Insgesamt aber ein guter Ansatz für ein Geschäftsmodell.

Sobald eine solche Taxivermittlung dann noch per mobilen Internet auf das Handy adaptiert wurde und mit GPS-Empfang der Standort der Taxisuchenden automatisch mit einfließt, wird es erst richtig interessant. Dann könnte ein Taxigast noch unterwegs jemanden mitnehmen und so die Kosten für weitere Fahrten senken oder fehlende Taxikapazitäten (Gruß an Hamburg am Morgen) ausgleichen.

Ich schließe jede Wette ab: noch 2010 werden wir ein entsprechenden Projekt in Deutschland durch die Presse gehen sehen und wenig später wird die Taxi-Branche aufschreiben aus Angst um Umsatzverluste.

Auch im Artikel der Wirtschaftswoche angesprochenen Carsharing-Geschäft geht es um reines Entfernungsüberbrücken. Und auch hier können Onlinemedien so einiges bieten. So kann man jetzt schon beim Carsharing der Bahn auf einer Google-Maps-Karte sehen, wo aktuell Fahrzeuge verfügbar sind.

Es wird sicher nicht lange dauern bis zwei Dinge passieren werden: erstens die Adaption auf mobiles Internet, mit dem ich anhand meiner Handyposition automatisch den nähesten verfügbaren Standort finde (ein Ende der festen Carsharing-Stationen). Informationen über Wagentyp, eine Wegbeschreibung und Ein-Klick-Reservierung sind dann selbstverständlich.

Auf der anderen Seite werden die Aggregatoren auf dem Plan treten und verschiedene Carsharing-Anbieter zu einem zentralen Portal zusammenfassen. Kooperationen der Anbieter werden weiter ausgebaut und Carsharing kann das bieten, was immer ein Grund für das eigene Automobil war: jederzeit einfach einsteigen und losfahren – nur das das jetzt noch besser geht, nämlich nicht nur zu Hause, sondern an jedem beliebigen Ort.

Etwas ähnliches wird dann auch für Fahrräder passieren. Call a Bike bietet hier schon entsprechende Ansätze: jederzeit ein Fahrrad nehmen und nutzen, wie es gerade gebraucht wird.

Das Bild der Mobilitätsbranche der Zukunft

Nimmt man nur diese drei aufgeführten Beispiele (und es gibt viele mehr) und kombiniert diese, entsteht das Bild der Mobilitäts- und Automobilbranche der Zukunft: Mobilität wird Dienstleistung, getrieben durch Information und (mobilem) Internet. In 5, 10 oder 20 Jahren entscheiden wir uns nicht mehr für ein einzelnes Verkehrsmittel. Wir setzen uns nicht mehr ins eigene Auto, sondern einfach in das nächsterreichbare, das uns das Handy zeigt. Oder das Handy rät uns vom Auto ab, weil die Innenstadt mit Autos überfüllt ist und in 2 Minuten die U-Bahn ums Eck fährt und an der Zielstation ein Mietfahrrad oder ein Carsharing-Fahrzeug schon reserviert ist. Geschäftsreisende wissen über eine Handy-App längst vor Ankunft, wer sonst noch das gleiche Ziel hat für Taxi-Sharing, weil es im Nachverkehr derzeit Verspätungsprobleme gibt. Und natürlich erfolgt die Abrechnung nur der genutzten Verkehrsmittel per Handy, das automatisch deren Nutzung erkennt.

Unterwegs sein wird also noch komfortabler. Jederzeit ein Auto im Umkreis zu Verfügung, wo immer man ist – das ist besser als heute mit dem eigenen Auto. Verschiedene Verkehrsmittel (Auto, Bus, Zug jeder Art, Flug, Mietfahrräder, Fußweg) werden mit einem Klick anhand individueller Wünsche optimal kombiniert: schnellste Zielerreichung, günstiger Preis pro Strecke, CO2-Betrachtung oder einfach Vorlieben – und das alles unter Berücksichtigung der aktuellen Verkehrslage besser als mit jedem Verkehrsrundfunk.

Die in der Wirtschaftswoche vorgestellte Initiative von Daimler wie die entsprechenden Aktivitäten der Bahn zeigen, dass in diesen Großunternehmen erkannt wurde, wohin die Reise geht. Spannend wird die Frage, ob eines dieser Unternehmen sich auch den Verkehrsträgern im eigenen Wettbewerb öffnet und so eine zentrale Position in der Mobilitätsbranche erreichen kann oder ob aus dem Internet kluge Startups den Weg in diese Richtung vorantreiben werden. Ich bin gespannt, wer diese Vision der universellen Mobilität umsetzen wird – dass sie kommen wird steht außer Frage.