Da haben wohl einige zu früh über die Krautreporter geunkt, denn heute nachmittag gegen 13 Uhr war es soweit: die Krautreporter hatte die 15000 Unterstützer zusammen, die jeweils 60,- Euro zahlen. Wofür? Für Qualitätsjournalismus, interessante Inhalte und einen werbefreien, journalistischen Raum im Internet. Also mit so einigem, vom dem große Verlage und Fachleute gehaupten, es sein eigentlich nicht finanzierbar.

Die Krautreporter können aber feiern. Noch vor einer Woche, als ich eine der Krautreporterinnen, Theresia Enzensberger, bei einem Abendessen getroffen hatte, war alles noch eine Zitterpartie. Gerade die Hälfte der notwendigen Unterstützer hatte bis dahin mitgemacht. Aber der Endspurt war gewaltig und zeigt die Macht der Crowd im Internet.

Die Herausforderung der Krautreporter kommt jetzt erst

Die Krautreporter zeigen mit ihrem Erfolg vielen Etablierten, was im Verlagswesen und mit Qualitätsjournalismus möglich ist. Die eigentliche Herausforderung kommt aber jetzt erst. Denn die Krautreporter müssen zeigen, dass sie mit gut 1 Mio. Euro umgehen können und wirklich ein Angebot schaffen und so verkaufen können, dass das Ganze nicht nur eine einjährige Stilblüte im E-Commerce wird, sondern dauerhaft erfolgreich bleibt.

Mit einer guten Idee und viel Öffentlichkeitsarbeit innerhalb des Trends Crowdfunding eine Finanzierung zu schaffen ist nämlich das Eine (wenn auch in diesem Umfang etwas Besonderes). Das andere ist es aber, sich jetzt so zu etablieren, das weitere Leser angezogen und bestehende Unterstützer langfristig gehalten werden.

Denn wenn nach einem Jahr nur noch ein Teil der jetzigen Finanziers weiterlesen will – dann ist etwas schief gelaufen und das Projekt hat doch nicht funktioniert. Wirklich erfolgreich ist es erst, wenn es sich über die Anfangsfinanzierung hinaus dauerhaft Leser (und Bezahler) finden.

Krautreporter – mehr als guter Journalismus nötig

Was ist also nötig, damit ein solcher Ansatz, wie ihn die Krautreporter uns jetzt vorführen, erfolgreich sein kann? Nun, die Grundlage sind sicherlich gute, interessante Geschichten und Qualitätsjournalismus. Das können die Krautreporter sicherlich auch, ist das doch ihr grundlegender Ansatz und ihre Profession.

Das Problem ist aber: das reicht längst nicht, um erfolgreich zu sein. Zu tausenden kennen wir das aus dem E-Commerce und Onlinemarketing: nicht das beste Produkt gewinnt, sondern das Produkt, das am besten vermarktet wird. Einem schlechten Produkt hilft dabei natürlich auch eine gute Vermarktung nur begrenzt. Aber mit guter Vermarktung wird das eigentlich zweitbeste oder drittbeste Produkt dann schließlich doch das erfolgreichste.

Für die Krautreporter heißt das: selbst wenn sie das beste inhaltliche Angebot, die interessantesten Geschichten und besten Journalismus liefern, selbst dann besteht die konkrete Gefahr des Scheiterns. Und diese Gefahr ist schon die Zusammensetzung des Teams: die Krautreporter sind (zumindest laut deren Website) nur Journalisten bzw. Reporter. Kein Unternehmer, der mit Finanzen Erfahrung hat, kein Konzepter oder Stratege, kein Markenexperte, keine Onlinemarketing-Spezialistin oder E-Commerce-Fachmann, kein Vertriebler. Nichts, was es in jedem Unternehmen braucht, um langfristig erfolgreich zu sein – auch und gerade in Internet-Startups in der E-Commerce-Branche. Fast nie sind Projekte mit so einseitigem Team langfristig erfolgreich. Das muss sich daher bei den Krautreportern ändern.

Empfehlung an die Krautreporter

Der Weg der Krautreporter ist gut. Er zeigt, wie ein journalistisches Angebot der Zukunft aussehen kann. Aber wenn ich mir überhaupt anmaßen darf, den Krautreportern etwas zu empfehlen, dann folgendes: verlasst Euch nicht auf die 1 Mio €. Alleine diese 1-Jahres-Finanzierung und wirklich gute Inhalten (da glaube ich dran, dass Ihr das könnt) heißt längst nicht, dass man gewonnen hat.

Feiert und genießt den Erfolg einer geglückten Finanzierung gegen so viele Unkenrufe. Es war ein großer Erfolg, den Ihr geschafft hab. Aber krämpelt dann die Ärmel hoch. Nicht nur journalistisch, sondern gerade auch unternehmerisch. Beschäftigt Euch mit Markenführung und Onlinemarketing. Denn Marketing ist mehr als Öffentlichkeitsarbeit, PR und ein gutes Produkt. Und Marketing ist überlebenwichtig – speziell für ein Projekt wie die Krautreporter.

Und beschäftigt Euch jetzt gleich zu Beginn damit, was zu tun ist, damit es in einem Jahr weiter geht. Es notwendig schon jetzt bald eine langfristige Strategie festzulegen. Jetzt müssen Unternehmeskonzepte und Finanzpläne gemacht werden. Jetzt schon zu Beginn geht es um die Zukunft Eurer Art des Journalismus – dessen Erfolg eben nicht nur journalistisch entschieden wird.

Irgendjemand bei Euch muss sich mit den anderen für erfolgreiche Projekt so notwendigen Themen beschäftigen. Oder Ihr holt Euch entsprechende Unterstützung von außen. Egal wie: Marketing, Markenführung und Unternehmensführung sind jetzt Euer Thema.

In diesem Sinne: Ich glaube daran, dass Ihr als Krautreporter eines der Modelle für die Zukunft im Journalismus und Verlagswesen seid. Macht es nicht dadurch kaputt, dass Ihr eine tolle journalistische Umsetzung macht, aber die auch durch das Internet oder Crowdsourcin am Ende niemals umgeworfenen Grundprinzipien erfolgreicher Projekte vernachlässigt. Diese Fehler haben schon viel zu viele E-Commerce-Startups vor Euch gemacht und nach anfänglichen Erfolgen nicht lange überlegt. Es wäre schade um so ein tolles Projekt.