Ein spannendes Experiment: werbefreier Qualitäts-Journalismus im Internet, Pre-Paid-Content, Crowd-Financing, Contentmarketing. Das sind aus Sicht von Onlinemarketing und E-Commerce die Stichworte des Projekts krautreporter.de, bei dem in wenigen Tagen wichtige Entscheidungen über Fortsetzung oder Einstellung des Experiments fallen werden.

Krautrepoerter Startseite
Ich bin Unterstützer Nr. 7558. Nach meinem Eintrag werden noch 7442 Unterstützer gesucht.

Eine der 25 freien Journalisten hinter Krautreporter, Theresia Enzensberger, durfte ich vorgestern bei der Hegelwoche in Bamberg kennenlernen. Bei einem interessanten Abendessen-Gespräch rund um Menschen im virtuellen Raum, zu Chancen und Risiken des neuen Mediums, um die Gestaltungsmöglichkeiten wie sinnvollen Grenzen kam auch krautreporter.de zur Sprache. Und ich erfuhr, dass die Initiatoren noch bangen, genug Unterstützer für dieses – aus meiner Sicht hochspannende – Experiment zusammen zu bekommen. Oder ehrlicher gesagt: es fehlen noch eine ganze Menge.

Ich selbst bin deshalb seit heute Unterstützer und möchte das Projekt hier nochmal vorstellen. So mancher meiner Kollegen, Kunden oder Leser hier mag das Experiment genauso interessant finden wie ich und noch kurz-vor-Schluss zum Unterstützer werden, um die wirkliche Durchführung zu sichern.

Was sind die Krautreporter?

Als E-Commerce-Experte aus meiner Sicht erst einmal ein Projekt, das so manchen etablierten Verlag, übliche Unternehmensstrategien oder Onlinemarketer massiv provoziert, obwohl es eigentlich gar nicht als Provokation angelegt ist. Krautreporter setzt nur konsequent auf die Möglichkeiten des Mediums Internet, geht aktuelle Probleme ohne Wenn und Aber an und zeigt so den Etablierten, wie es von altem Denken losgelöst gehen könnte.

Ein paar interessante Aspekte des Projekts möchte ich aus Sicht eines E-Commerce-Beraters aufzeigen.

Krautreporter: Text-Qualität statt Google-Texte

Alles und jeder schreibt im Internet die Texte so, dass sie in Google möglichst weit oben stehen. Und da ich selbst im Rahmen von SEO-Beratungen solche Texte schreibe, weiß ich, dass zwar einerseits Google zu immer mehr zu hochwertigem Content zwingt, andererseits Aufbau, Struktur, Inhalt oder auch Wortwahl in den Texten oft nicht dem Stil des Autors entsprechen oder einem kreativen Prozess geschuldet sind, sondern man „Google nach dem Mund schreibt“.

Das Problem der Verlage in diesem Zusammenhang: sie haben keine neuen Geschäftsmodelle entwickelt, sondern nur das Modell „wir machen redaktionelle Inhalte, zählen die Auflage und verkaufen dann Anzeigen“ in das Internet transportiert. Das zwingt jetzt Journalisten fast SEO-Experten sein. Viele Texte in Onlineredaktionen werden passend für Google geschrieben. Es gibt Richtlinien und Ratschläge. Man orientiert sich an Pageviews und Besucherzahlen. Schließlich braucht man viele Seitenaufrufe für die Finanzierung über den Anzeigenverkauf.

Das Problem: es leidet die Qualität. Und genau hier setzt Krautreporter an: man will hochwertigen, qualitativen Journalismus betreiben. Die Beiträge sollen nicht das Ziel haben, bei Google möglichst gut gelistet zu sein. Nein, man emanzipiert sich von Google und möchte einfach den besten Artikel für den Leser schreiben. Man verzichtet auf „alle und möglichst Viele im Internet sollen es lesen“ und konzentriert sich auf Qualität für die Abonnenten. Alles darüber hinaus ist positiver Nebeneffekt, aber nicht Hauptziel und Finanzierungsbasis.

Krautreporter: der werbefreie Journalismus

Das Ziel ist klar: krautreporter.de soll völlig werbefrei sein. Auch das provoziert. Eine werbefreie Zone mitten im Internet? Und das in einer Zeit, in der jeder private Blog-Betreiber Google-Anzeigen einblendet und sich so das Bier am Wochenende über Anzeigen finanziert? Eine werbefreie Website provoziert da etablierte, ja eigentlich fast alle Anbieter. Und sie ist ein spannendes Experiment in Zeiten, in denen viel über die Werbefinanzierung des Internets und die scheinbare Unmöglichkeit von Paid Content diskutiert wird.

Und die Krautreporter kritisieren damit auch noch einen anderen Trend: die in vielen Medien – leider auch solchen mit großen Namen – immer häufiger anzutreffende Schleichwerbung in Form gekaufter Links.

Das Problem ist nämlich: das alte Geschäftsmodell „Anzeigen innerhalb redaktionellem Inhalt“ funktioniert im Internet nicht so gut, wie die Verlege er aus Print kennen. Viel Werbeplatz führt zu einer Inflation und damit weniger Einnahmen.

Die Verlage greifen daher immer häufiger zur Währung Link. Der Hintergrund ist einfach: wer einen Link von anderen auf seine Website bekommt, der wird bei Google weiter oben angezeigt. Das wollen alle Unternehmen. Und Links von bekannten Namen (Zeitungs-Websites oder große Weblogs) sind viel wert. Diese Links dürfen allerdings nicht als Werbeanzeige daher kommen, sondern müssen mitten im Text als redaktionelle Links eingebaut sein. Nur so haben diesen einen Wert gegenüber Google und die Website-Betreiber können diese teuer verkaufen.

Leider ist das illegal. Gekaufte Inhalte (und damit auch Links) müssen als Anzeige gekennzeichnet werden, sonst ist es Schleichwerbung. Nach meiner Erfahrung erfolgt eine solche Kennzeichnung aber in den seltensten Fällen. Meine Gespräch in der Praxis zeigen: sobald es eine Kennzeichnung als Anzeige gibt, wird der Link nicht mehr gekauft. Für „richtige“ Links bekommen Websitebetreiber aber regelmäßig Anfragen und Preis zwischen € 50,- und € 300,- (teils sogar noch mehr) geboten.

Die Krautreporter verzichten bewusst und offensiv nicht nur auf Anzeigen, sondern auch auf gekaufte Links als Geldquelle – zu Gunsten der Qualität für Leserinnen und Lesern. Wenn das keine Provokation für alle SEOs und Marketing-Verantwortlichen dieser Welt ist.

Krautreporter: Geschichten ohne Ressorts?

Zeitschriften und Zeitungen und die meisten großen Onlineangebote Verlage haben die üblichen Ressorts: Politik, Sport, Wirtschaft und so weiter. Klar sagt man: die Leserinnen und Leser der Zeitung greifen gezielt nach dem für sie interessanten Teil und können sich gut orientieren. Dann machen wir das auch im Internet. Das ist ja nicht ganz falsch dieser Gedanke.

Aber: Diese Ressorts wurden fast immer einfach 1-zu-1 von Print ins Internet übertragen. Dieses Vorgehen ist aber gar nicht so logisch, wie es erstmal aussieht. Denn die Struktur einer Veröffentlichung hängt auch stark mit den Eigenschaften des Mediums zusammen, in dem sie veröffentlicht wird. Und das Medium Internet ist nun mal nicht das Medium Print.

Das heißt nicht, dass Ressorts automatisch falsch wären im Internet. Aber wir haben im Internet mehr Möglichkeiten, Informationen gezielt zugänglich zu machen. Wir haben ein interaktives Medium, ganz andere Datenmengen und -zugänge, Inhalte können vernetzt werden (versuchen Sie das mal in Print!) und so weiter.

Und hier macht Krautreporter eine klare Ansage: bei uns gibt es keine der üblichen Ressorts. Bei uns gibt es gute Inhalte und die interessanten Geschichten hinter den oberflächlichen Nachrichten. Unsere Veröffentlichungen werden eine andere Struktur bekommen, die besser zu Internet und unseren Inhalten passt (wie genau das umgesetzt wird, darauf bin ich im Übrigen sehr gespannt).

Krautreporter: Finanzierung ohne Investoren

Mein Unterstützereintrag auf Krautreporter.de
Mein Unterstützer-Eintrag auf der Website der Krautreporter

Neue journalistische Angebote wie Zeitschriften werden üblicherweise in Verlagen entwickelt. Sie werden kalkuliert, es werden Investitionsmittel des Verlags verplant oder Investoren für eine erkleckliche Summe für einen neuen Verlag gesucht. Und dann werden Journalisten angestellt, die im Rahmen der Konzept-Vorgaben der neuen Veröffentlichung die Inhalte erstellen.

Krautreporter ist anders. Es gibt nicht den einen Investor oder den Verlag, der das Geld reingesteckt hat. Es gibt nur 25 Journalisten (die natürlich auch von ihrer Arbeit leben wollen) und es gibt 15.000 Unterstützer, die jeweils nur € 60,- geben – quasi die jährliche Abo-Gebühr. Niemand der politisch Druck ausüben könnte (wir wissen ja genau, dass Verlagsleiter oder Chefredakteur die politische Färbung so mancher großen bekannten Zeitung klar beeinflusst). Niemanden, der die notwendigen Geld entzieht, weil er jetzt etwas andere machten möchte. Und kein Risiko, den Launen einzelner Personen ausgeliefert zu sein.

Bei Krautreporter gibt es „nur“ Leser bzw. Unterstützer, die über das Wohl und Wehe entscheiden. Das sind viele, aber jeder hat nur € 60,- beigetragen. Ein einzelner hat daher weniger Einfluss, aber die Masse der Leser wird deutlichen Druck ausüben. Die Qualität und Themen müssen stimmen, nur dann finanzieren diese Unterstützer weiter.

Ein spannendes Projekt des Crowd-Funding also. Es zählt die Masse der kleinen Finanzierer statt der Masse des Geldes eines Einzigen. Und die Entscheidungen dieser Finanzierer basieren auf den gebotenen Inhalten (Contentmarketing) und nicht aufgrund irgendwelcher anderen strategischen Faktoren. Klar, dass Krautreporter damit auch eine Provokation gegenüber üblichen Finanzierungsmethoden ist.

Eigentlich gar keine Provokation – unterstützenswert!

Eigentlich sind die Krautreporter aber gar keine Provokation. Sie haben nur das Medium Internet und das dadurch veränderte Verhalten der Nutzer vor den Bildschirmen richtig verstanden und nutzen die vorgefundenen Gegebenheiten konsequent. Sie vereinen so verschiedene im Onlinemarketing und E-Commerce oft so getrennt diskutierten Trends Crowdfunding, Contentqualität und Contentmarketing, Paid Content, Demokratisierung (oder besser Dezentralisierung) und viele mehr.

Ob das Ganze auf Dauer funktionieren kann? Keine Ahnung. Aber einen Versuch ist es wert. Gute Chancen sehe ich.

Gerne würde ich mit Blick auf die Zukunft des Mediums Internet und unserer Gesellschaft sehen, wie dieses Experiment ausgeht und ob es auf Dauer bestehen kann. Wenn es klappt kann sich Theresia Enzensberger auf die Fahne schreiben, den Journalismus auf den Pfad der digitalen Zukunft gebracht zu haben. Am Rande erwähnt ist das besonders interessant, ist doch ihr Vater Magnus Enzensberger über das Medium Print bekannt gewordenen und hat dieses inhaltlich mitgeprägt. Eine tolle Konstellation.

Mithelfen, das Experiment durchzuführen – nur bis 13. Juni

Damit das Experiment stattfinden kann, braucht es noch bis spätestens zum 13. Juni 2014 weitere Unterstützerinnen und Unterstützer. Man investiert € 60,- (die nur gezahlt werden müssen, wenn die Mindestanzahl Unterstützer zusammen kommt). Das sollte es uns wert sein festzustellen, ob dieser Weg wirklich ein Weg in die Zukunft sein kann.

 

Nach dem eigentlichen Schluß meines Beitrags mal noch etwas fachliche Kritik eines E-Commerce-Beraters

Mail von Paypal der Krautreporter-Zahlung
Die Mail von Paypal zu meiner Zahlung. Wie soll man so eine Zahlung den Krautreportern zuordnen?

Denn ein bisschen Kritik muss trotz meiner Begeisterung leider sein. Leider ist das Projekt aus professioneller Sicht auch als Experiment zu erkennen. Da zahlt man seinen Beitrag an Sparker (und nicht an Krautreporter). Man zahlt also an jemand ganz anderen als zu zu unterstützende Projekt.  Sowas ist im E-Commerce ein völliges No-Go und führt nur dazu, die Conversion Rate zu verringern. Das dürfe den einen oder anderen Unterstützer gekostet haben (liebe Krautreporter: klar, ich verstehe schon, wie sowas zustande kommt un dass das einfach der schnellste Weg war, das zu realisieren – aber gerade bei einem Projekt, das Qualität und den Leser im Auge hat, darf der nicht vergessen werden, wenn es um den E-Commerce-Teil des Ganzen geht; da geht sonst Professionalität verloren).

Auch mit den Verlinkungen tut man sich schwer. Ich wollte direkt auf die Seite „Unterstützen“ verlinken – geht aber nicht. Diese Seite gibt es nämlich gar nicht, es ist nur ein  Popup (und kann daher nicht verlinkt werden). Die Angabe „7421 von 15000 Unterstützern“ ist auch verwirrend. Sie sagt nämlich gar nicht, was das bedeutet. Fehlen noch 7421? Oder hat man schon 7421? Verwirrend.

Solche Kleinigkeiten sind es im E-Commerce oft, die eine etwas höhere oder niedriger Conversion Rate (sprich: die Anzahl der wirklich erfolgten Bestellungen bei einer bestimmten Anzahl von Website-Besuchern) klar beeinflusst. Diese eigentlich einfach zu vermeidenden Fehler aus beeinträchtigen zwar die Bedeutung der Idee dahinter nicht – aber hier müssen auch Crowd-Projekte in dieser Größenordnung noch professioneller werden. Alleine professioneller Journalismus langt nicht – es muss auch professioneller E-Commerce dazu kommen, will man ein solches Projekt von fast einer Million Euro stemmen.