Paketkopter - Drohne in DHL-gelb

Bild der DHL: Paketkopter im Anflug auf Juist.

Die DHL fliegt Pakete auf die deutsche Nordsee-Insel Juist. Das hat sie gestern offiziell vorgestellt. Ist damit die Zukunft der E-Commerce-Logistik gestartet und amazon mit seinen Drohnen (und großem Pressespektakel vor einiger Zeit) eingeholt? Hat Deutschland damit Amerika auf- oder gar überholt?

Ist die Paketzustellung mit Drohnen aber überhaupt die Zukunft, wie in der Presse seit letztem Jahr immer wieder so plakativ behauptet wurde? Und welche Rolle spielen selbstfahrende Autos und Laufroboter eigentlich?

Aktuelle Realität: Warenauslieferung per Drohne

Realität ist auf jeden Fall, dass die DHL mit einer Paket-Drohne, dem so genannten  Paketkopter, eilige Medikamente auf die Insel Juist ausliefert. Auch wenn amazon und andere große E-Commerce-Anbieter es zu mehr Präsenz in der Presse schaffen: die DHL ist bei diesem Thema vorne mit dabei – und das nicht nur in der Theorie, sondern im ganz praktischen Einsatz schon heute. Das zeigt sie mit diesem soeben (am 18.11.2014) vorgestellten Experiment, das wohl schon seit einigen Wochen läuft.

Wie läuft der Flug der Paket-Drohne ab?

Es ist eigentlich ganz einfach: auf dem Festland wird das wetterfeste „Paketfach“ der Drohne mit den Medikamenten bestückt. Dann werden die Zielkoordinaten in die Drohne eingegeben und die Drohne fliegt diesen Zielpunkt dann völlig eigenständig an. Und aufgrund der geringen Lautstärke kann das auch in der Nacht stattfinden.

Vor Ort entnimmt dann der Empfänger das Paket entgegen. Das ist im Moment der Paketbote der Insel, der die Medikamente dann an die Apotheke vor Ort ausliefert.

Die Einschränkungen

Es ist klar: die Auslieferung von Pakete mit Drohnen findet bisher vorwiegen in Presseankündigungen der großen E-Commerce-Firmen statt und weniger in der Praxis. Das liegt daran, dass es noch viele Einschränkungen gibt, die einen breiten Einsatz behindern.

  • Luftrecht
    Drohnen können nicht einfach so in den Himmel steigen. Um sich im Luftraum zu bewegen und die Flugsicherheit über Deutschland sicher zu stellen, müssen entsprechende Genehmigungen vorliegen. Für einen sehr breiten Einsatz von Drohnen müssen wahrscheinlich sogar erst einmal sinnvolle Regeln gefunden und im Luftrecht neu festgeschrieben werden. Die Sicherheit vor Abstürzen oder die Vermeidung von Störungen des bestehenden Luftverkehrs sind sicher zu stellen.
    Die DHL hat das mit einer Genehmigung für diesen speziellen Fall innerhalb des bestehenden Rechts genehmigen lassen können. Aber zu einem breites Ausrollen – gerade auch in bewohntem Gebiet – ist der Weg juristisch noch weit.
  • Absturz-Sicherheit
    Bisher gibt es noch keinen spektakulären Fall einer abgestützen Paketdrohne. Das ist aber auch klar: es sind ja noch kaum Drohnen im laufenden Praxiseinsatz bisher. Was aber passiert, wenn plötzlich der Akku oder der Benzinkanister leer ist und die Drohne samt Paket abstürzt? Im Falle der DHL-Drohne ist daher die Flugroute aus Sicherheitsgründen komplett über unbewohntes Gebiet gelegt und der Paketbote auf der Insel setzt immer einen neuen Akku ein.
  • Wetter
    Fliegen ist stark vom Wetter abhängig. So kann die DHL-Flugdrohne nur bis Windstärke 10 (immerhin!) fliegen. Die DHL lässt daher die Versorgung der Insel Juist auf den konventionellen Weg weiterhin bestehen. Die Drohne ist nur eine ergänzende Möglichkeit, kein Ersatz für andere Logistik-Wege.
  • Gewicht & Kosten
    Wie viel kann eine Drohne transportieren? Es hängt von der Drohne ab. Aber großes Gewicht wird auch die Kosten des Drohnentransports deutlich erhöhen. Und heutige Drohnenkonzepte sehen immer nur den Transport eines einzelnen Paketes pro Flug vor (während ein Paketfahrer mit einer Fahrt eine große Zahl an Paketen transportiert und nur dadurch rentabel ist). Wie hier die Kostenentwicklung langfristig sein wird, ist noch völlig offen.
  • Sicherheit & Psychologie
    Da kommt eine Drohne, legt ein Paket vor der Haustür ab und ein Fremder nimmt das mit. Das darf natürlich nicht passieren. Aber bis zu einer sicheren Empfänger-Zustellung sind noch einige Hürden und Ängste von Kunden zu überwinden. Das sind Vertrauens- und andere psychologische Probleme, keine technischen.
    Die DHL umgeht dieses Problem mit seiner Paket-Drohne: Empfänger ist immer ein fester Paketzusteller auf Juist.

Die Einschränkungen für Drohnen sind also groß – nicht nur für den DHL-Paketkopter, sondern ganz grundsätzlich für eine Paketlieferung per Drohne.

Drohnenlieferung ist etwas Spezialfälle

Werden Drohnen die Logistikkette der Paketdienste ersetzen? Das ist sehr unwahrscheinlich. Es gibt keine Lösungen im Luftrecht (auch wenn die sicher kommen werden – das dauert aber), die Kosten sind derzeit noch zu hoch und Prozesse für die sichere Zustellung fehlen.

Daher werden Drohne auf absehbare Zeit nur bei Spezialfällen zum Einsatz kommen – dort aber sehr schnell und häufig. Spezialfälle heißt: abgelegene Empfänger auf Bergen oder Inseln. Oder besonders eilige Lieferungen. In solchen Gebieten hat eine Drohne aber so viele Vorteile, dass sie sich schnell durchsetzen wird.

Selbstfahrende Autos und Laufroboter in der Paketzustellung

Warum aber überhaupt Fliegen, wenn es doch so viel einfacher geht: Ein selbstfahrendes Auto (von Google, Daimler, MAN und vielen anderen praktisch marktreif) und darin sitzend ein menschenähnlicher Laufroboter, der auch schwerste Pakete ins 10-te Stockwerk trägt und per Gesichtserkennung den Empfänger eindeutig identifiert, ihn per Sprache bittet, an einer bestimmten Stelle zu unterschrieben und so 24 Stunden täglich Pakete zum Empfänger bringt.

Technisch ebenfalls weitgehenst ausgereift sowie juristisch und psychologisch viel einfacher durchsetzbar. Das ist der Grund, warum dieses – viel seltener als Drohnen diskutierte – Szenario aus meiner Sicht als E-Commerce Berater viel wahrscheinlicher ist.

Interessierten sein dazu auch meinen Artikel zur Zukunft des stationären Einzelhandels mit automatischer Lieferung empfohlen.

Und in paar wenigen Jahren werde ich mich hier mit einem Kommentar einmal dazu äußern, ob meine Vorhersage dazu eingetroffen ist …

Vortrag zum Thema

Beachten Sie auch den Vortrag „Drohnen: Zukunft der Paketlogistik?“, den ich derzeit anbiete.